Interview "Auf einen Moment"

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So groß bin ich gar nicht
ein Gespräch mit Thomas Darchinger

Berlin - 9. April 2019

Gespräch zwischen zwei Tassen Café

Fangen wir mit dem Negativen an. Letztens war in einer Kritik zu lesen “wenn selbst so namhafte Größen wie Thomas Darchinger den Film nicht retten konnten, dann war wohl schon das Drehbuch einfach nur schlecht”. War der Film wirklich so schlecht und woran lag es. An Ihnen?
Darchinger: (lacht) Auch wenn Ihre Frage ein provokanter Scherz ist: Man fragt sich immer, was man hätte besser, anders machen sollen, und man fragt man sich durchaus auch mal, ob ein anderer da nicht vielleicht sogar besser gepasst hätte für die Rolle. Abgesehen davon: Ob ein Film “schlecht” ist, kann ja einer alleine gar nicht entscheiden. In diesem konkreten Fall ging es um einen Tatort. Und Zuschauerdiskussionen nach einem Tatort werden ja fast so leidenschaftlich und widersprüchlich geführt, wie die über Fußballspiele. Ich finde, es war ein ordentlicher Tatort und niemand braucht sich dafür zu schämen.

Gibt es denn überhaupt zu viel Durchschnitt im deutschen Fernsehen?

Darchinger: das kann ich nicht verneinen. Aber es gibt überall zu viel Durchschnitt. Zu viele durchschnittliche Anwälte, Bäcker, Zahnärzte, Finanzbeamte, Automanager, Politiker. Insofern finde ich die Fragestellung zu wenig grundsätzlich. Vielleicht sind wir ja in erster Linie durchschnittlich und vielleicht ist das auch gut so. Das Besondere wird ja auch nur besonders dadurch, wie es sich vom Durchschnitt abhebt. Ohne Durchschnitt nichts Besonderes.

Jetzt machen Sie es sich aber zu einfach. Wo ist da der Anspruch auf das Höhere, Weitere?

Darchinger: ich hab ja nicht gesagt, dass man sich mit ‘schon okay’ zufrieden geben sollte. Aber wir müssen auch mal die Kirche im Dorf lassen. Das Besondere wächst nicht von den Bäumen. Oh, das war jetzt sehr ignorant tollem Obst gegenüber. (lacht) Was ich sagen will: damit man Teil von etwas Außergewöhnlichem ist, muß sehr sehr viel zusammenpassen. Und wenn es dann so kommt, dann fängt eine Sache plötzlich an zu fliegen. Tolle Dialoge lassen sich natürlich auch leichter toll sprechen und spielen. Tolle Kollegen machen einen auch selber besser. Ein Kameramann, der ein Bildgestalter ist mit Leidenschaft für die Schauspieler, die er vor sich hat, ein Kostümbildner, der weiß was er tut und der genau dann wenn es um die wichtigen Entscheidungen geht einen guten Moment hat und dann auch noch das Glück, dass der Regisseur ihm die besten Ideen nicht abwürgt und so weiter. Und wenn alles oder mindestens sehr viel davon zusammenkommt, dann hebt das Ganze ab. Dann knistert die Luft.

War das jetzt gender correct? Immer nur Männer. Kameramann, Regisseur…

Darchinger: ich finde die Bewegung für gleiche Chancen und Gestaltungs-Räume für Frauen extrem wichtig. Aber ich gestehe ich bin faul und mir ist es manchmal zu mühsam, die nötige Korrektheit in der Wortgestaltung einzuflechten. Wenn ich Regisseur sage, meine ich Frau und Mann. Für meinen Geschmack gehen wir solche Themen oft zu humorlos an. Wir verlieren uns in Wortklauberei und Kleinklein. Eigentlich möchte ich noch viel weiter gehen bei dem Thema. Nicht nur Frauen und Männer gleich behandeln. Ich möchte nicht nur eine Frau als Chefarzt im Film sehen, sondern auch eine schwarze Frau. Im deutschen Fernsehen und Film werden mir noch viel zu oft Rollenklischees von Vorgestern benutzt.

Bleiben dann noch genug Rollen für Sie übrig?

Darchinger: (lacht) wir werden sehen!

Sie vergleichen Filme machen oft mit Fußball spielen. Wieso?

Darchinger: Beides ist Teamsport. Bei Beidem muß man hart trainieren, sich durchbeißen, gegen alles mögliche, auch gegen das schlechte Momentum. Man muß sich zurückstellen für das Wohl der Sache und trotzdem so stark selbst präsent sein, dass man leuchtet. Spitzensport ist wie jede andere Spitzenleistung. Und im entscheidenden Moment sitzt der Trainer draußen und Du mußt liefern. Da hilft nur die beste Mischung aus Leichtigkeit und volle Kanne Mut und Power. Und wenn ein Fußballer einen Pass in den Raum spielt, kann er ganz schön doof ausschauen, wenn sein Mitspieler nicht antizipiert hat. Dann rollt der Ball ins Aus und jeder denkt: den hätte ich selber besser gespielt. Das ist beim Spielen auf der Bühne oder vor der Kamera genauso. Da muß man sich auch trauen, einen Ton in den Raum zu werfen, wo alle plötzlich blöd schauen. Aber ohne dieses Risiko erschaffst Du nicht die besonderen Momente. Du mußt einen raushauen und mit viel Glück spielst Du einen genialen Doppelpass.

Und jubeln Sie dann auch gemeinsam nach einer gelungenen Szene?

Darchinger: wenn alles gut läuft, liegt der Regisseur, oder die Regisseurin (!) am Boden vor Lachen oder hat sich in eine Ecke zum Heulen verkrochen, weil sie so berührt ist. Highfive gibts dann im Wohnmobil!

Wie oft passiert das im Jahr?

Darchinger: Kommt auf das Jahr an. (lacht)

A propos: Was ist das Absurdeste, dass Sie dieses Jahr bisher erlebt haben?

Darchinger: Ich habe gerade für eine Serie im Synchronstudio gestanden und die Paranoia der Produzenten und Verleiher ist inzwischen so groß, dass ich von der Synchronfirma im Vorfeld mit einem Tarnnamen angeschrieben wurde. Also der Name der Serie durfte nicht in der email vorkommen. Stattdessen ein erfundener Name. Die Serie hieß dann “Faith of Angels”, haha. Vor dem Studio mußte ich mein Handy in ein Schließfach sperren, dass das Studio auf Weisung des Verleihers anschaffen mußte. Ich darf Ihnen jetzt auch nicht sagen, was das für eine Serie war. Und ich kann Ihnen auch kein Selfie aus dem Studio zeigen. Ich sag nur so viel: Es wird ein großes Finale!

Jetzt machen Sie mich aber neugierig

Darchinger: ich sage kein Wort mehr.

Gut. Dann danke ich für das Gespräch!

Darchinger: sehr gern


Thomas Darchinger war gerade im Kölner Tatort “Bombengeschäft” zu sehen, spielt zur Zeit aber auch Theater, macht zahlreiche Lesungen und spricht Synchron. Seine website: www.tdarchinger.de . Darchinger ist auch auf Instagram https://www.instagram.com/thomasdarchinger_official/